Axel Honneth : La réification. Petit traité de théorie critique, traduit de l’allemand par Stéphane Haber, Paris, Gallimard, 2007 (Originaltitel, Die Verdinglichung. Eine anerkennungstheoretische Studie). Rezension von Julia Tomas.

Traduction : Marisa Bamberger et Marina Gharbi (sous la direction de Pierre Bourstin)

français

Der Terminus Verdinglichung, der zum ersten Mal in der Zeit der Weimarer Republik verwendet und von Lukacs weiterentwickelt wurde, ist laut Axel Honneth wieder zu einem zentralen Begriff in der Analyse der zeitgenössischen Gesellschaft geworden. Diese kleine Studie stellt ein bemerkenswertes Beispiel der Denklogik der Frankfurter Schule, nämlich der theoretischen Kritik dar, sowie eine erstaunlich schöne Moralphilosophie der Anerkennung.

Zunächst geht Honneth von Lukacs’, Heideggers und Deweys Analysen aus, um zu einer ersten Definition des fraglichen Begriffs zu gelangen. Die Verdinglichung ist jene Geisteshaltung, die darin besteht, die Anderen und die Natur als Dinge zu betrachten. Lukacs meint, die kapitalistische Warenproduktion habe verdinglichte Beziehungen und „verdinglichende“ Verhaltensweisen, wie etwa den Egoismus, den Sieg des wirtschaftlichen Interesses oder die ausbleibende Empathie erzeugt. Lukacs Grundthese ist, die Verdinglichung sei zu einer Art zweiter Natur des Menschen geworden. Mit anderen Worten wird das System des verdinglichenden Verhaltens mit dem Sozialisationsprozess „natürlich“. Demnach ist die Verdinglichung eine gesellschaftliche Tatsache, und nicht etwa ein moralischer Fehler. Von diesem Ansatz aus entwickelt Heidegger den Begriff durch Einführung des Terminus „Pflichtbesorgtheit“. Das verdinglichende Verhalten des Menschen gegenüber seiner Umwelt ist in der Tat keineswegs selbstverständlich oder gar „natürlich“, weil sich der Mensch in einem interessierten Engagement auf die Welt bezieht. Dieses Interesse, oder diese „Sorge“, bringt den Menschen dazu, seine Welt zu entdecken. So übersetzt Axel Honneth die heideggersche „Sorge“ mit der „Teilnehmerperspektive“ (S. 41), das heisst, die Meinungsaufnahme der Anderen und das Verstehen der Handlungsmotive des Anderen. Die zwischenmenschlichen Beziehungen müssen infolgedessen über eine „affektive Bezogenheit“ (S. 43) verfügen, die nichts anderes ist als Anerkennung. Laut Honneth ist die Anerkennung die Grundlage des „Gewebe[s] sozialer Interaktion“ (S. 67). Vor der verdinglichenden Geisteshaltung, kurz gesagt, der neutralen Wahrnehmung der Realität (z.B. Erkenntnis), gibt es die Anerkennung. Somit vertritt Axel Honneth in einem zweiten Teil die These, dass die Annerkennung der Erkenntnis zugrunde liegt.

Die Anerkennung ist eine Art existenzielles Anliegen, das für das menschliche Verhalten spezifisch ist. Dies beweist Honneth durch die Sozialisationspsychologie des Kleinkindes, besonders mit Piaget und Mead und durch die systematische oder kategoriale Analyse Cavells. In der ersten Analyse betont der Autor, dass die Verdinglichung, als affektive Komponente der Interaktionen des Kleinkindes, die Aufnahme der Perspektive der zweiten Person erfordert, was die Entstehung des symbolischen Denkens erweckt. Die emotionale Identifikation mit dem Anderen führt tatsächlich zur Nachahmung. Diese unfreiwillige Öffnung etabliert seiner Meinung nach „in einem nur zeitlichen Sinn den Vorrang einer emotionalen Ansprechbarkeit vor dem Schritt zum Erkennen von intersubjektiv gegebenen Objekten“ (S. 59). Anders formuliert gelangt das Kind über die Annahme der Perspektive der geliebten Person zu einer objektiven Kenntnis seiner Umwelt. Je mehr das Kind die Perspektiven anderer akzeptiert, desto besser entwickelt sich seine Erkenntnis. Nach Adornos Vorbild macht Honneth auf Folgendes aufmerksam : „die Exaktheit unserer Erkenntnis bemiβt sich am Maβ der emotionalen Anerkennung, des affektiven Geltenlassens anderer, möglichst vieler Perspektiven“ (S. 61). Die zweite Analyse von Cavell betont die Empathie, die erforderlich ist, um den Zugang zu fremden mentalen Gemütszuständen zu erlangen. So verbindet Cavell das Verständnis des Innenlebens der Anderen mit der Aufnahme einer Annerkennungshaltung, was bedeuten soll, dass die Anerkennung zwangsläufig dem Erkenntnisvorgang vorangeht.

Somit beginnt die soziale Bindung erst mit der Anerkennung, und nicht etwa mit der Erkenntnis. In dieser logischen Reihenfolge benötigt also die Verdinglichung eine Umwandlung des ursprünglichen Empfindens. Diese Umwandlung nennt Honneth „Vergessenheit“. Er definiert die Verdinglichung als ein „Prozess, durch den in unserem Wissen um andere Menschen und im Erkennen von ihnen das Bewuβtsein verlorengeht, in welchem Maβ sich beides ihrer vorgängigen Anteilnahme und Anerkennung verdankt“ (S. 78).

In der Regel verhält man sich verdinglichend, wenn man sich um die Erkenntnis bemüht, aber dabei vergisst man, dass die Anerkennungstätigkeit der Ursprung dieses Verhaltens ist. Einige Autoren haben schon vorher diese Ideen vertreten. Sie haben jedoch die Anerkennungshaltung nur im Falle der menschlichen Interaktionen analysiert. Dieses Buch nimmt sich vor, ein neues und ebenso relevantes Forschungsgebiet zu beleuchten : die Anerkennung nichtmenschlicher Welten, sei es die objektive Welt der natürlichen Phänomene oder die subjektive Welt der mentalen Gemütszustände. So unterscheidet der Autor in einem dritten Teil die intersubjektive Verdinglichung (oder die Anerkennungsvergessenheit) von der objektiven Verdinglichung und von der „Selbstverdinglichung“ (S. 90).

Honneth stellt Folgendes fest : Genau wie bei der Verdinglichung des Menschen beobachtet das Subjekt oft Tiere, Pflanzen und selbst Dinge, indem es sie auf objektive Art und Weise identifiziert und dabei die existenziellen und subjektiven Bedeutungen seiner Umwelt vergisst. Unter Selbstverdinglichung versteht man das objektivierende Verhalten zur eigenen Subjektivität. Genauer gesagt legt man sein eigenes Verlangen und seine Gefühle als objektive, definierbare und infolgedessen auf Wunsch modulierbare Dinge fest. Die Anerkennungsvergessenheit seiner selbst ist eigentlich pathologisch, weil sie aufzeigt, dass das Subjekt seine psychische Lebenserfahrung nicht als denkbar und formulierbar empfindet, obwohl diese in Wirklichkeit ein wichtiger Motor der Motivation und demzufolge der menschlichen Tätigkeiten ist.

Schliesslich schlägt der Autor eine „soziale Ätiologie der Verdinglichung“ (S. 108) vor, das heisst die möglichen Ursachen der intersubjektiven Anerkennungsvergessenheit. Er unterscheidet zwischen zwei Gründen, warum man sich verdinglichend verhält : wenn die Subjekte eine soziale Aktivität praktizieren, in der allein das einfache Beobachten der Anderen zu einem Ziel wird, oder wenn die Subjekte sich von einem Überzeugungssystem steuern lassen. Die Verdinglichung als soziales Phänomen (z.B. die verdinglichende Frauentypisierung) führt zur Vergessenheit der persönlichen Eigenschaften derjenigen, die zu dem Stereotyp gehören. Die Selbstverdinglichung kann auch als soziales Phänomen gesehen werden, sobald das Subjekt seine innere Selbstbehauptung vergisst, um seine Gefühle oder sein Verlangen je nach Bedarf zu modulieren. Dies kann man bei den immer moderner werdenden gesellschaftlichen Praktiken beobachten, wie zum Beispiel bei Vorstellungsgesprächen (wo der Agierende seine Ambitionen je nach Bedarf des Arbeitgebers modulieren soll) oder bei Treffs über Internet (wo der Agierende sich den Vorstellungen des Anderen entsprechend beschreibt).

Kurz gesagt erscheint die Verdinglichung als ein zeitgenössisches soziales Phänomen, das man in der Öffentlichkeit analysieren und diskutieren sollte, damit die erforderlichen Antworten auf eine positive Entwicklung der sozialen Welt stimuliert werden.

Oktober 2007 Julia Tomas Betreuender Dozent : Prof. Dr. Jean-Bruno Renards Université Paul aléry (Montpellier III)

 

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